Ausgabe 10/2010

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum ein Tag vergeht, an dem nicht vom Missbrauch an Minderjährigen berichtet wird, der - in der Regel vor Jahrzehnten - zumeist in kirchlichen Einrichtungen stattfand. In der öffentlichen Wahrnehmung wird dabei nicht mehr unterschieden zwischen sexueller Gewalt und den damals bedauerlicherweise durchaus üblichen „Erziehungsmethoden“, wie Maulschellen oder Schlägen mit dem Rohrstock. Erinnert sei daran, dass die körperliche Züchtigung in Deutschland erst 1980 verboten wurde.

Vor zweieinhalb Jahren wurden aus der österreichischen Diözese St. Pölten zahlreiche Fälle von Misshandlungen an Schutzbefohlenen bekannt. Dies wurde damals in Deutschland zur Kenntnis genommen, ohne dass sich auch bei uns ebenfalls Opfer gemeldet hätten. Nun aber überrollt uns seit Wochen einer Tsunamiflut gleich eine Welle von Bekenntnissen und mancher fragt sich, warum diese Opfer Jahrzehnte geschwiegen haben.

Unbestritten ist, dass vor allem misshandelte Kinder zur Verdrängung neigen. Die Tat existiert für sie einfach nicht mehr. Hinzu kommt, dass sie sich zur Tatzeit regelmäßig in einem Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Misshandelnden befunden haben dürften - ein Elternteil hat sie misshandelt, der Lehrer oder ein Pfarrer. Sie schämen sich, suchen die Schuld bei sich.

Wenn jetzt nahezu täglich neue Opfer über ihre schlimmen Erfahrungen berichten, fallen mehrere Erscheinungen zusammen: In den bisher schweigenden Opfern platzt eine „Blase“. Die Wahrnehmung ändert sich. Bisher als „Erziehungsmaßnahme“ Betrachtetes wird nun als Misshandlung empfunden. Man ist nicht mehr das einsame Opfer, sondern plötzlich Teil einer großen Opfergemeinschaft, zu der man gehören will, zumal gerade in Deutschland die Opferrolle hoch angesehen ist. Bei einigen wenigen mag auch die von der Politik ins Spiel gebrachte finanzielle Entschädigung dazu beigetragen haben, sich als Opfer zu outen.

Wie aber ist mit den wirklichen Opfern umzugehen? Halbherzige Entschuldigungen der verantwortlichen Personen und Institutionen sind sicherlich nicht ausreichend.

Sie können sich nicht entschuldigen – damit machten sie es sich zu einfach - sie müssen die Opfer um Entschuldigung bitten!

„Runde Tische“ werden in Deutschland bei jeder Gelegenheit eingesetzt, so von der Bundesregierung auch jetzt. Nur: Die Regierung ist die falsche Stelle hierfür, nicht sie ist verantwortlich für die Misshandlungen.

Die Verantwortlichen selbst müssen glaubhaft die Vergangenheit aufarbeiten und sich ihr ernsthaft stellen. Sie müssen – mit Hilfe neutraler Ombudsleute – mit den Opfern sprechen.

Ein völlig falscher Weg wäre es, sich mit finanziellen Entschädigungen ein „reines Gewissen“ zu erkaufen.

Nicht der Staat, sondern die verantwortlichen Stellen - egal ob Kirchen oder Internate - müssen den Opfern fachgerechte Therapien ermöglichen und die Kosten hierfür übernehmen. Nur so kann Opfern geholfen werden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Und nur so kann die Spreu vom Weizen getrennt, können wirkliche von vermeintlichen Opfern unterschieden werden.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Alex Funk

09.04.2010

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